14 Sep 2009

100 Gedichte aus der DDR

100-Gedichte

Lesung: Montag, 14. September 2009, 20 Uhr im Kunsthaus Erfurt

100 Gedichte aus der DDR
Ein Blick zurück auf die DDR: Die einzige Anthologie ihrer schönsten und charakteristischen, ihrer vergessenen, geförderten und verbotenen Gedichts. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Christoph Buchwald und Klaus Wagenbach.

„Ist es nicht merkwürdig, dass die DDR mit ihrem zynisch aufgepäppelten, dann wieder gegängelten Literatursystem viel Namhafteres hervorgebracht hat als die große Freiheit nach der Stasi?“ So fragt die FAZ im Jahr 2008. Gegenfrage: Wie gehen wir als Erben mit der DDR- Literatur um, die doch selbst das „kulturelle Erbe“ so hoch gehalten hat, dass man es manchmal schon nicht mehr erkennen konnte? Das gilt besonders für die Lyrik der DDR.
Christoph Buchwald und Klaus Wagenbach machen die Probe aufs Exempel und haben 100 Gedichte ausgewählt, angefangen mit antifaschistischen Gedichten und endend mit den letzten Gedichten der achtziger Jahre.
Zu hören sein wird eine Auswahl von Gedichten der Autoren Johannes Bobrowski, Volker Braun, Bertolt Brecht, Peter Huchel, Reiner Kunze, Karl Mickel, Heinz Czechowski, Wolfgang Hilbig, Rainer Kirsch, Sarah Kirsch, Christa Reinig, Thomas Rosenlöcher, Johannes R. Becher, Wolf Biermann, Adolf Endler, Elke Erb, Stephan Hermlin, Heinz Kahlau, Günter Kunert, Georg Maurer, Heiner Müller ,Helga M. Novak, Manfred Bieler, Heinar Kipphardt, Hartmut Lange, Jurek Becker, Gabriele Eckart, Bert Papenfuß, Hans-Eckart Wenzel, Helga M. Novak, Franz Fühmann, Katja Müller-Lange u.a.

Dazu laden das Kunsthaus Erfurt und die Rosa – Luxemburg – Stiftung Thüringen ein.

Klaus Wagenbach
Klaus Wagenbach, 1930 in Berlin geboren und aufgewachsen, lernte Buchhändler und
promovierte zum Geisteswissenschaftler. Er arbeitete mehrere Jahre als Lektor, unter anderem beim S. Fischer Verlag in Frankfurt am Main, bis er 1964 seinen eigenen, bis heute unabhängigen Verlag in Berlin gründete. In den späten 1960er und in den 1970er Jahren avancierte Klaus Wagenbach zum Verleger der Wortführer von Studentenbewegung und Außerparlamentarischer Opposition. Anfang 2002 zog sich Wagenbach von der Leitung seines Verlags zurück. Er selbst ist seitdem als Lektor im Wagenbach Verlag tätig. Der Kafka-Spezialist hat eine Honorarprofessur für Neuere deutsche Literatur an der Freien Universität Berlin inne und ist neben dem Bundesverdienstkreuz zudem Träger zahlreicher internatio-naler Auszeichnungen. Überdies gilt Wagenbach als Eigentümer-Verleger, der mit wenigen anderen dem Konzentrationsprozess im deutschen Verlagswesen trotzt.

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Lesung von Klaus Wagenbach im Kunsthaus Erfurt


Denn Dichter sind geborene Anarchisten

Gespräch mit dem Verleger Klaus Wagenbach im Kunsthaus Erfurt.

TLZ, 18. Oktober 2009 von Frank Quilitzsch


Herr Wagenbach, hat sich jemand beschwert, weil er nicht in Ihre Anthologie aufgenommen worden ist?

Oh ja! Wir haben drei Rezensionen in Ostdeutschland, die waren alle Verrisse. Und alle drei stammen von Lyrikern, die nicht drin sind. Ansonsten ist der Band gut aufgenommen worden.

Hundert Gedichte aus vierzig Jahren, das verlangt Mut zur Entscheidung. Und es ist ein kluger Schachzug, Johannes R. Bechers Nationalhymne als Prolog zu setzen, der die Hoffnungen und Widersprüche des gerade gegründeten Staates bereits in sich trägt.
Das ist ja auch ein guter Text. Der war nach zwei Jahren schon obsolet und konnte gar nicht mehr gesungen werden, weil da von „einig Vaterland“ die Rede war.

Wir haben die Hymne noch lange gesungen, sogar Mitte der 60er Jahre noch.
Länger, als es erlaubt war.

Nein, in der Schule … Sie haben nicht in der DDR gelebt. War dieser „Blick von außen“ ein Vorteil bei der Zusammenstellung der Anthologie?
Ein großer Vorteil. Wir haben ja respektvoll gewartet, zwanzig Jahre, ob in Ostdeutschland eine DDR-Anthologie herauskommt. Es kam eine, von Peter Geist, doch die umfasst nur die 70er und 80er Jahre. Man versteht diesen Staat und die Literatur aber nicht, wenn man nicht die 50er und 60er Jahre dazu nimmt. Die 50er Jahre waren voller Hoffnung, selbst für einen Dichter wie Reiner Kunze, und man vergisst immer, dass eine Reihe von Autoren vom Westen nach dem Osten gewechselt sind – Stephan Hermlin, Wolf Biermann, Peter Hacks, Adolf Endler, um nur einige zu nennen. Ihre Hoffnungen galten einem Staat, in dem jedes Kuhkaff ein Klubhaus und jede Kleinstadt ein eigenes Theater hatte, in dem jeder größere Betrieb und jede Kaserne über eine Bibliothek verfügte und in dem es sogar ein Literaturinstitut gab. Und es gab – das war mein besonderer Neid – das „Poesiealbum“.

Ein monatliches Lyrikheft, das man für 90 Pfennige an jedem Kiosk kaufen konnte.

Das war natürlich ein Traum für mich! Jetzt haben wir dieses ganze Erbe am Hals, jetzt sind wir die Erben. Ob wir es wollen oder nicht, das ist deutsche Literatur … Kurz und gut, wir haben gewartet, und es kam nichts. Und diese DDR-Anthologie, die wir jetzt gemacht haben, war ein Lieblingsprojekt von mir. Ich hatte doch angefangen mit DDR-Literatur, 1960, als ich noch Lektor beim S.Fischer-Verlag war. Damals habe ich Peter Huchel zum ersten Mal gedruckt, Hermlin, das erste Buch von Christa Reinig. Also, das Gelände war mir vertraut. Es ging uns, wie wir es auf der Rückseite des Schutzumschlags zum Ausdruck bringen, darum, die schönsten, charakteristischen, vergessenen oder verbotenen Gedichte in Erinnerung zu bringen. Zum Beispiel „Schwarze Bohnen“ von Sarah Kirsch. Ein wunderbares Gedicht, ganz bescheiden, ganz einfach, ganz unpolitisch – und trotzdem tobende Reaktionen! Es erschien damals bei mir im „Tintenfisch“, dem Jahrbuch für Literatur, und hat in der DDR furchtbare Reaktionen ausgelöst.

Weil es „dekadent“ war?
Nein, weil die Kulturpolitiker entsetzlich dumm waren. Ich nenne nur Alfred Kurella und die Kafka-Konferenz 1963 in Liblice. Er hat es nicht verstanden. Und sie haben auch bei Sarah Kirsch nur gesehen, da beschreibt eine Autorin, wie sie Kaffeebohnen kleinmacht und hinterher die Bohnen wieder zusammensetzt. Ein sehr merkwürdiger, schöner Vorgang. Es war dieses Unverständnis, was dann ganz klar in dem berüchtigten Plenum im Dezember 1965 zutage trat, wo Ulbricht wörtlich gesagt hat, die DDR ist ein sauberer Staat. Sauberer Staat – da habe ich mir immer vorgestellt, wie einer an dem Staat rumschrubbt. Und dann fiel der fatale Ausdruck, wir dulden keine Anarchisten. Wenn das Wort „Anarchist“ fällt, sage ich als Verleger, sind die Lyriker immer vorgewarnt. Denn Dichter sind geborene Anarchisten, denen fällt, wenn der Tag lang ist, viel ein und sehr viel Divergierendes.
Anfang der 60er Jahre blühte die Lyrik in der DDR auf.
Das war die Glanzzeit der DDR-Literatur! Sie begann mit der berühmten Veranstaltung von Stephan Hermlin 1962 in der Akademie der Künste, da waren sie plötzlich alle da, junge, bis dahin unbekannte Dichter, und wurden von Hermlin vorgestellt. Was ihn dann auch das Amt kostete. Er hat seine Entlassung mit dem Satz kommentiert: „Genossen, ihr habt vollkommen recht, ich würde es wieder tun.“ Da saß Johannes Bobrowski im Publikum. Dadurch bin ich auch an Wolf Biermann gekommen, denn in der heiligen Akademie liefen seine „Schmutzverse“ vom Tonband. Das war eine große Zeit der Hoffnung, bis 1965. Karl Mickel, Sarah Kirsch, Volker Braun …

Manche sagen, aus der DDR würden höchstens zehn, zwölf Dichter bleiben.
Zehn, zwölf? Das ist viel! Da muss ich auch im Westen ganz ordentlich zählen, bis ich zwölf zusammenkriege.

Wenn Sie eine vergleichbare Anthologie mit Dichtern der Bundesrepublik machen wollten, würde Ihnen das schwerer fallen?
Nein, wahrscheinlich sogar leichter.

Sie würden auch mit hundert Gedichten auskommen?
Ja. Aber es gäbe ein Problem. Ich kann in der DDR-Anthologie ohne weiteres zwei oder drei Gedichte der von mir sehr geschätzten Christa Reinig aufnehmen, obwohl sie seit 1962 im Westen war. Wenn ich eine West-Anthologie machen würde, dann geriete ich in Schwierigkeiten bei Christa Reinig und Sarah Kirsch, die sehr lange in der DDR gelebt haben. Soll ich von denen Gedichte aus der bundesrepublikanischen Zeit nehmen? Unser Kriterium war, dass jemand in der DDR aufgewachsen und mit ihr aufgewachsen ist und, wenn er die DDR verlassen hat – was ja viele getan haben -, schon dreißig war. Das ungefähr war die Idee.

Wenn ich zum Vergleich eine DDR-Anthologie des Aufbau-Verlags von 1979 nehme, da fehlen: Wolf Biermann, Sarah Kirsch, Reiner Kunze, selbst Heiner und Inge Müller. Und Wolfgang Hilbig, ein Autor des „Bitterfelder Weges“, wird ignoriert.
Hilbig ist ein klassischer Fall. Der wäre im Westen wahrscheinlich kein Lyriker geworden. Der ist in der ganzen Ambivalenz ein echtes DDR-Produkt. Addie Endler auch. Die haben sich zu Tode gesoffen – eine Art stiller Freitod. (Sie haben sich nicht zu Tode gesoffen, Adolf Endler ist nach langer schwerer Kranheit in diesem Sommer gestorben. Anm.: Kunsthaus)

Aber erst nach dem Ende der DDR.
Gerade bedeutende Autoren sind gefährdet, und wenn sie älter werden, neigen sie dazu, sich zu fragen, was habe ich eigentlich erreicht.

Ich habe in Ihrer Anthologie die Probe aufs Exempel gemacht. Für meine Generation waren neben Brecht, Franz Fühmann und Volker Braun auch jüngere Dichter wie Hans-Eckardt Wenzel und Uwe Kolbe, letzterer mit seinem Band „Hineingeboren“, wichtig – alle drin. Und Steffen Mensching haben Sie mit seinem „Fernsprechbuch 1941“ ganz nach vorn geholt. Was schätzen Sie an diesen Lyrikern?
Grundsätzlich muss man sagen, dass die DDR-Gedichte handwerklich meistens besser gebaut waren als westdeutsche. Da wurde viel mit der Form gespielt. Das ist unter anderem auch ein Verdienst von Georg Maurer, der im Leipziger Literaturinstitut die Klasse Lyrik geleitet, und von Bernd Jentzsch, der das „Poesiealbum“ gegründet hat. Es wurde natürlich auch anders gelesen. Der DDR-Leser wurde jeden Tag, den Karl Marx werden ließ, gezüchtigt durch das Neue Deutschland. Das war ja ein Geheimblatt, da musste man zwischen den Zeilen lesen. Das heißt, DDR-Leser wurden zu sorgfältigem und zugleich zu flüchtigem Lesen geprügelt. Und das hat eine besondere Art von Aufmerksamkeit hervorgebracht, die im Westen unbekannt ist. Und die DDR war ein zeitraubender Staat. Das ist mir jedes Mal aufgefallen, wenn ich eingereist bin – es dauerte alles lange. Kontrollen sowieso, und wenn ich Bobrowski besuchte, musste ich erstmal nach Friedrichshagen fahren. Aber dann waren da schon Manfred Bieler und die anderen versammelt, und alle hatten Zeit. Ich fragte mich immer, wann schreibt der Bobrowski überhaupt, wahrscheinlich hat er im Büro geschrieben, Büroarbeit wurde ja nicht so ernst genommen. In der S-Bahn hat er geschrieben, das weiß ich, denn es war ein langer Weg von Friedrichshagen bis ins Zentrum Ostberlins, in die Charlottenstraße. Ich habe übrigens erst vor ein paar Wochen von der Birthler-Behörde erfahren, wie man verhindert hat, dass ich als Testamentsvollstrecker von Bobrowski eingesetzt wurde. Da wurde die Witwe mal kurz in die Mangel genommen. Auf keinen Fall sollte der Nachlass in „schmutzige Westhände“.

Es fällt mir wirklich schwer, wichtige DDR-Dichter zu finden, die Sie nicht aufgenommen haben. Vielleicht Harald Gerlach oder Walter Werner. Aber es sind ja erstaunlich viele Thüringer drin: Fürnberg, Kirsten, Cibulka …
Das ist eine typische Reaktion aus der DDR! Mal sehen, wie viele Thüringer drin sind! Das ist ein echtes Heimatbewusstsein, das da aus Ihnen spricht. Harald Gerlach, ja, der fehlt. Na ja, beim Prenzlauer Berg mussten wir auch auswählen. Hundert Gedichte sind hundert Gedichte. Und es wäre viel ungerechter gewesen, Huchel oder Bobrowski mit nur einem Gedicht drin zu haben, als einen jüngeren Autor wegzulassen. Man muss sein eigenes Urteil auch kenntlich machen. Bei Volker Braun musste ich mich zusammennehmen, um nicht sieben Gedichte aufzunehmen, statt nur vier. Das wiederum hätte die Proportionen des Bandes auseinanderfallen lassen.

Würden Sie Ihre Auswahl als einen Kanon bezeichnen?
Als was?

Einen Kanon. Marcel Reich-Ranicki stellt doch gerne Literaturkanons zusammen: Das muss man unbedingt lesen, das und das …
Nein. Reich-Ranicki ist mir fremd. Der hat diese Westentaschenkategorien des sozialistischen Realismus nie ganz abgelegt. Aber er hat große Verdienste bei der Schaffung von hohen Auflagen, auch in der deutschen Literatur.

Welches ist Ihr Lieblingsgedicht?
Es gibt ungefähr zehn Gedichte, die fallen mir sofort ein, weil sie unbedingt in dem Band sein müssen.

Zum Beispiel?
Na, „Homo sapien“ von Richard Leising – das konnte man in der DDR singen: „Zu einem richtigen Arbeiterstaat / Gehört ein richtiger Kartoffelsalat.“ Oder „Sozialistischer Biedermeier“ von Kurt Bartsch. Oder Kuba – also Kurt Barthel: „Sagen wird man über unsre Tage“. Das waren volkstümliche Gedichte, wie auch immer in der Wertung, die kann man nicht weglassen.

Aber Sie wollen damit nicht sagen, dass Kuba zu Ihren Lieblingsdichtern zählt. Sie mussten ihn nie aufsagen.
Nein. Ich habe lange gesucht bei Kuba, bis ich das gefunden habe, von dem man mir später erzählt hat, dass es hier in jedem Schulbuch war. Aber Sie fragten nach meinem Lieblingsgedicht. Gut, wenn Sie unbedingt wollen, erkläre ich jetzt mal eins zu meinem Lieblingsgedicht. Ich habe hier Anstreichungen: Peter Huchel „Die Ordnung der Gewitter“. Oder Thomas Rosenlöcher „Die Verlängerung“. Stephan Hermlin „Die Vögel und der Test“. Zwei weniger bekannte „Buckower Elegien“ von Brecht …

Danke, danke. Vielen Dank!

100 Gedichte aus der DDR. Hrsg. v. Christoph Buchwald und Klaus Wagenbach, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin, 160 S., 16,90 Euro

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Jörg Sobiella (mdr) beim Interview mit Klaus Wagenbach im Kunsthaus Erfurt