14 Dez 2010

das neue bauhaus 2.010

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45 Kilo, Johannes Abendroth, Tom Ackermann, Maureen Anderson,
Benedikt Braun, Marc Aaron Faesser, Johannes Heinke,
Marc Jung, Henriette Kriese, Alexander Lembke, Moritz Michels,
Simon Müller, Lucian Patermann, Rene Renschin, Nina Röder,
Nora Ströbel, Christian Werner

14.12. 2010 – 28.01. 2011

10.12.2010, 20 Uhr Eröffnung
Einführung: Dr. Silke Opitz (Kunsthistorikerin, Projektkoordinatorin marke.6)
Performance: Simon Müller
DJ: Thomas Kircher (stroboyouth)

18.12.2010., 20 Uhr Kunstauktion
Auktionator: Kristian Jarmuschek
Auktionskatalog

24.01.2011, 20 Uhr Bauhaus-Frauen: Meisterinnen in Kunst, Handwerk und Design
Lesung und Gespräch mit Ulrike Müller

28.01.2011, 20 Uhr Istzustand: Quo vadis Bauhaus – Talk mit
Prof. Liz Bachhuber, Konstantin Bayer, Reinhard Franz, Michael Kraus, Moritz Michels, Dr. Silke Opitz, Nina Röder
Moderation: Kristian Jarmuschek

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das neue bauhaus 2.010, Marc Jung
Ausstellungsansicht Kunsthaus Erfurt, 2010

benedikt
das neue bauhaus 2.010, Benedikt Braun
Ausstellungsansicht Kunsthaus Erfurt, 2010

rene
das neue bauhaus 2.010, Rene Renschin
Ausstellungsansicht Kunsthaus Erfurt, 2010

lucian
das neue bauhaus 2.010, Lucian Pattermann
Ausstellungsansicht Kunsthaus Erfurt, 2010

45kilo
das neue bauhaus 2.010, 45 Kilo und Christian Werner
Ausstellungsansicht Kunsthaus Erfurt, 2010

faesser
das neue bauhaus 2.010, 45 Kilo und Marc Aaron Faesser
Ausstellungsansicht Kunsthaus Erfurt, 2010

das neue bauhaus 2.010
Silke Opitz

My Bauhaus is better than yours: Bauhaus-Universität, Bauhaus 09, Bauhaus Essentials und schließlich das neue Bauhaus 2.010 – was vielleicht wie eine Vorlage zum Poetry-Slam anmutet, erweist sich zunächst als Spiel mit dem Label, der Marke – auch marke.6, die Bauhaus-Universitätsgalerie, wäre hier noch zu nennen.
Um in der Hochschullandschaft und in der Kunstszene Thüringens, viel. auch Deutschlands und womöglich gar international wahrgenommen zu werden und bestehen zu können, besinnt man sich dem Namen, dem Titel oder dem Motto nach gern auf eine der tatsächlich weltberühmtesten Kunst- und Kunstgewerbe- bzw. Designschulen des 20. Jahrhunderts.

Doch wofür steht das Bauhaus als Marke?
Das Deutsche Patent- und Markenamt, Dienststelle Jena, schreibt am 02. April 2008 ganz klar ablehnend auf den Antrag einiger Bauhaus-Studenten, das -Bauhaus- als Marke für ihre zukünftige Galerie schützen zu wollen:
„Leider muss die angemeldete Marke wegen bestehender absoluter Schutzhindernisse nach – 8 Abs. 2 Nr. 1 und 2 MarkenG wie folgt beanstandet werden:
Marken, denen jegliche Unterscheidungskraft fehlt, sind von der Eintragung ausgeschlossen ( 8 Abs. 2, Nr. 1 MarkenG). Einer Marke fehlt jegliche Unterscheidungskraft, wenn sie ungeeignet ist, die von der Anmeldung erfassten Dienstleistungen hinsichtlich ihrer Herkunft aus einem Unternehmen zu unterscheiden. (…)
Der Einfluss des Bauhauses war so bedeutend, dass der Begriff „Bauhaus“ heutzutage im Umgangssprachigen oft auch mit der Moderne in Architektur und Design gleichgesetzt wird (vgl. Auszüge Online-Recherche Anlage 1). (…)
Bei der Bekanntheit des Begriffes „Bauhaus“ im o.g. Sinne wird somit der angesprochene Kunde in Bezug auf die beanspruchten Dienstleistungen keinen betrieblichen Herkunftshinweis auf ein bestimmtes Unternehmen, wie im Markenrecht gefordert, erkennen. (…)
Eine Monopolisierung des angemeldeten Begriffes würde daher dem Interesse von (auch zukünftigen) Mitbewerbern entgegenstehen, ebenfalls beschreibend ihre Dienstleistungen anzubieten und zu bewerben. Im konkreten Fall heißt das, dass es z. B. auch anderen Ausstellern bzw. Anbietern von kulturellen Aktivitäten möglich sein muss, den Begriff „Bauhaus“ als beschreibenden Hinweis auf den Gegenstand ihrer Ausstellung oder ihrer sonstigen kulturellen Aktivitäten zu verwenden. (…)“ Das heiß also, überall darf heute „Bauhaus“ drauf stehen, muss aber nicht unbedingt drin sein. Und dort, wo „Bauhaus“ wohl noch am meisten drin ist, steht, – und das auch nicht erst seit gestern – „Wohnst du noch oder lebst du schon“ – oder eben momentan etwas Weihnachtliches drauf.
Dennoch – all jene, die das Bauhaus „lediglich“ als Marke verwenden und für sich reklamieren, referieren in der Tat recht unmittelbar auf das historische Bauhaus. Denn für die damals wohl einmalige PR einer solchen Institution, für eine unglaublich diverse Öffentlichkeitsarbeit und schnittige Propaganda ist die Schule – von Anfang an – berühmt. Der talentierte Mister Bauhaus, Walter Gropius, ließ es sich als Gründungsdirektor nicht nehmen, höchstpersönlich auf Vortragsreisen durch ganz Europa von seiner Schule zu berichten.

Eine solche Lichtbildvortragsreihe von ihm in Erfurt, Jena, Eisenach, Alfeld, Hannover, Köln, Leipzig, Wien, Prag und Amsterdam (ohne Jahr) ist nachweisbar, und Gropius Biograf Reginald Isaacs schreibt zudem, Gropius habe innerhalb von 3 Monaten Vorträge in 15 Städten und 3 Ländern Europas gehalten. Man bedenke Straßen- und Verkehrverhältnisse von 1922/1923.
Zudem gab es das ganze Aufgebot an Freundeskreis und Ausstellungen, Zeitschriften, Gastvortr?gen, Grafikmappen, Plakaten und Presseartikeln usw., alles, was man auch heute noch aus PR-Abteilungen von Hochschulen, Kunstvereinen, Museen usw. her kennt. Newsletter, Blogs, Twitter und Facebook hätten Mister Bauhaus und seinem Ministerpräsidenten, Laszlo Moholy-Nagy, sicher sehr gefallen. Und natürlich dürfen in diesem Zusammenhang die Bauhaus-Feste nicht vergessen werden, welche die damals schon international berühmten Meister und ihre später dann teilweise ebenso berühmten Schüler gemeinsam feierten und dabei wie nebenbei die innere Struktur, das Tragwerk des Bauhauses, stabilisierten. So war die Öffentlichkeitsarbeit des Bauhauses auch weniger eine eigene Abteilung, als das ganze Projekt, die Schule an sich. In der mittlerweile Regalmeterweisen Literatur zum Bauhaus gibt es daher auch längst eine monografische Abhandlung ausschließlich zur Öffentlichkeitsarbeit der Institution mit dem schönen Titel „Wir überleben alle Stürme!“ (Cornelia Sohn, Wir überleben alle Stürme. Die Öffentlichkeitsarbeit des Bauhauses. Köln/Weimar/Wien 1997) .

Denn im Grunde ist das Bauhaus zwar gescheitert, das aber eben nichts weniger als grandios. Noch dazu leben Totgesagte länger.
Und so ist das Bauhaus nicht nur als Marke ein Paradoxon und darum so faszinierend. Auch als ebensolcher Mythos lebt es fort – hierzu gleichfalls eine Literaturempfehlung am Rande: Mythos Bauhaus. Hrsg. v. Anja Baumhoff und Magdalena Droste (Berlin 2009).
In diesem Aufsatz- bzw. Vortragsband findet sich ein Beitrag von Robin Schuldenfrei: Luxus, Produktion, Reproduktion. Hier wird eine Art unverbrämte, sachliche Bilanz gezogen und konkrete Zahlen werden genannt – ein Marcel Breuer-Stuhl, Textilbespannung (nicht Leder) kostete 60 Mark, eine Teekanne (wahrscheinlich ist die Brandt-Kanne gemeint), kostete 90 Mark und das fünfteilige Teeservice (wohl von Marianne Brandt) in Neusilber war für 180 Marke zu haben. Ein Arbeiter verdiente wöchentlich etwa 60, ein Angestellter 90 Mark. Das heißt, man musste Tee damals auch anders trinken können.
Die Bauhaus-Produkte – den Manifesten und Programmen nach auf Massenfertigung angelegt – waren und sind Luxusgüter, die sich damals wie heute nur bestimmte Kreise leisten konnten und können, wollten und wollen. Man hat zwar seinerzeit versucht, diesen Produkten als Gebrauchsgegenständen eine Aura programmatisch abzusprechen, doch als Design-Objekte haben sie sie bis heute behalten. Und so stehen diese meist handgefertigten und in edlen Materialien ausgeführten Einzelstücke in Museen oder als teure Repliken in – gleichfalls eher vereinzelten und auch einzeln stehenden Häusern mit Flachdach. Neben den Produkten ist es gleichfalls die Architektur, mit der das Bauhaus, zumindest seinem Anspruch nach, gescheitert ist. Davon künden nicht nur die nach wie vor zahlenmäßig überwiegenden Giebel, sondern auch und vor allem die vielen Plattenbauten und ihr derzeitiger, wo möglicher Abriss.
Die polnische Künstlerin Monika Sosnowska, die sich mit der Architektur der Moderne und eben auch des Bauhauses beschäftigt, macht die fehlende Möglichkeit des „zu lebenden Individualismus“ dafür verantwortlich. Auch die Fotoarbeit „Plattenbau privat“ von Susanne Meyer und Natalja Hopf (2006 im KH ausgestellt) zeigt die Grenzen des individuellen Wohnens im Plattenbau am Beispiel des DDR-Types WBS 70.
Die Dessauer Meisterhäuser oder das Weimarer Haus am Horn ziehen jedoch zumindest als Museen Scharen von Touristen an.

So bleibt das Bauhaus mit seinem utopischen Programm, seinen nicht vollkommen einlösbaren Ideen faszinierend und aktuell.
Sein Scheitern in Weimar ist den ?u?eren Umst?nden nach hinreichend analysiert worden. Gropius selbst schrieb schon Ende 1922:
„Die inneren Schwierigkeiten beruhen auf Schwächen der heutigen jungen Generation. Die Verantwortung des Bauhauses besteht darin, Menschen zu erziehen, die die Welt, in der sie leben, erkennen, und die aus der Verbindung ihrer Erkenntnisse und ihres erworbenen Könnens heraus typische, diese Welt versinnbildlichende Formen ersinnen und gestalten. Die Weltfremdheit der jungen, künstlerisch Begabten ist aber so groß, dass in ihnen nur ganz langsam das Verständnis für die Wirklichkeit der Werkwelt, ihr Tempo und ihre Ausnutzung von Zeit und Mitteln geweckt werden kann. Sie schweben in der Gefahr der Abirrung in eine falsche Romantik, die aus der begreiflichen Reaktion gegen den herrschenden Geisteszustand – Zahl und Macht – und aus dem Fiasko des alten Staates zu entstehen droht. Dagegen hilft nur scharfe Denkschulung und rücksichtslose Bekämpfung alles Sentimentalen…“ (Thüringisches Hauptstaatsarchiv Weimar, Bestand Staatl. Bauhaus, Akte, 3, Bl. 45; Zeitungsartikel zu „Idee und Entwicklung des Staatl. Bauhauses“, wohl Ende 1922)
Die Bauhaus-Universität, deren Studierende sämtliche hier Ausstellende waren oder sind, orientiert sich zumindest hinsichtlich ihres curriculum – im Gegensatz zu den bis heute Klassen-klassischen Kunstakademien – am Lehrprogramm des Bauhauses. Das zeichnet sich im größeren Rahmen durch die 4 Fakultäten Medien und Gestaltung (künstlerischer Art) sowie Bauingenieurwesen und Architektur (technischer Art bzw. einstiges „Endziel“ des Bauhauses). Im Besonderen lässt sich zudem an der Fakultät Gestaltung eine Art Vorkurs im Wechselstromprojekt für Erstsemester wieder finden. Vom Thema, vom Projekt aus, sucht sich jede/r „sein Medium“ und schreibt sich nicht von vornherein in eine Fach-Klasse ein.
Dennoch repräsentieren die im Kunsthaus Erfurt zu sehenden Arbeiten nicht die Bauhaus-Universität in Gänze, sondern hier in erster Linie eine aus Sicht von kunstinteressierten Galeristen und Kuratoren getroffene Auswahl. Auch sollte man nicht nach womöglich wortwörtlichen „Ideen-Zitaten“ des historischen Bauhauses, auch nicht des New Bauhaus Chicago, in den hier ausgestellten oder aufgeführten Malereien, Fotografien, Videos, Installationen und Performances suchen. Vielmehr wäre deren Qualität an jenen Ausführungen Gropius hinsichtlich einer aktuellen Zeitgenossenschaft zu messen. Und zeitgenössisch sind diese Arbeiten, die man ähnlich auch in Leipzig, Berlin und wohl auch in einigen artspaces in New York finden kann.
Es sind insgesamt 17 künstlerisch-gestalterische Positionen, zu denen sich im Einzelnen während einer einführenden Rede nichts Umfassendes und Erschöpfendes sagen lässt. Jedoch erscheint auch eine auferlegte Beschränkung auf etwa einen Satz pro Künstler oder Gestalterduo wenig sinnvoll. Stattdessen sollen 17 Begriffe, Schlagwörter oder Vokabeln allen Besuchern und Kunstinteressenten individuelle Assoziationsräume eröffnen können. Darüber hinaus gibt es zu einigen Werken begleitende Texte (und zudem waren die Damen und Herren Künstler/innen zur Ausstellungseröffnung anwesend und für spezielle Fragen zu haben).
Abschließend also: Erinnern und Geschichte, Kultur und Natur, Identität und Rollenbild, Zitat und Sampling, Zufall und Wahrscheinlichkeit, Raum und Wahrnehmung, Trash und Ästhetik, Funktionalität und Zweckfreiheit und am Ende oder am Anfang des Galerierundgangs so gar ein kleines bisschen humorigen Größenwahn. Denn während Pablo Picasso sich noch mit Fahrradsattel und Lenker begnügte und sich im Gegensatz zu Marcel Breuer für eine freie „Objekt-Plastik“, seinen Stier (1942), inspirieren ließ, darfs bei Benedikt Braun dann direkt etwas mehr sein. Mehr an vormals funktionalen Dingen. Also doch eher bauhaus reverse.