20 Mai 2011

going places

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Lorenz Lindner

24.05. – 24.06.2011

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going places, Lorenz Lindner
wiring sculpture, Installation, Kunsthaus Erfurt, 2011, Foto: Claus Bach

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going places, Lorenz Lindner
wiring sculpture, Installation (Detail), Kunsthaus Erfurt, 2011, Foto: Claus Bach

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going places, Lorenz Lindner
aircondition, Objekt, Kunsthaus Erfurt, 2011, Foto: Claus Bach

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going places, Lorenz Lindner
fenster ensemble, Installation, Kunsthaus Erfurt, 2011, Foto: Claus Bach

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going places, Lorenz Lindner
minicab expo 2, Installation, Kunsthaus Erfurt, 2011, Foto: Claus Bach

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going places, Lorenz Lindner
lightning display, Objekt, Kunsthaus Erfurt, 2011, Foto: Claus Bach

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going places, Lorenz Lindner
Raumansicht, Kunsthaus Erfurt, 2011, Foto: Claus Bach

Hey you! oder: geloopter Eskapismus taugt nicht mehr als solcher

Die Installationen und Einzelobjekte, die Lorenz Lindner herstellt, haben, wenn sie im musealen Kontext angekommen sind, bereits ein langes erlebnisreiches Leben hinter sich. Die Materialien, die er auswählt, sind abgenutzt, weggeworfen und ärmlich: alte Kartons und Pressholzreste, Bierkästen, Metallschrott oder Fernseher vom Sperrmüll. Aus diesen Materialien baut Lindner Objekte und Installationen, die in spezifischen Kontexten benutzt werden oder konkrete Situationen imitieren: Tische, Tanzböden, Spielautomaten, Klimaanlagen, Werbedisplays, Schaukästen, diverse Bars, ein Cafe, ein Fitnessstudio, eine Autowerkstatt, einen ganzen Straßenzug. Zusätzlich produziert Lindner Videos, die in die installativen Szenerien seiner Ensembles integriert werden. In ihnen sieht man auf ein Minimum an Handlung reduzierte Clips, deren Typik aus Filmen der 60er und 70er Jahre stammen könnte, und in denen meist der Künstler selbst als einziger Protagonist auftaucht.
Diese loops sind eingespielte Reminiszenzen, die das Grundrauschen in Lindners Installationen verstärken. Dieses Grundrauschen ist die Sehnsucht nach der Teilhabe an einer vergangenen, wenn nicht schon immer illusionären Erfahrungswelt, nach dem kommunikativen Ereignis, nach flüchtigen Momenten größter Intensität, nach der Party, der Extase.
„Disco Inferno“, ein Objekt bestehend aus einem Besenstil und einer zweiteiligen Pappfläche, auf die ungelenk die titelgebenden Worte gesprüht sind, verweist auf diese Momente: Das „Disco Inferno“ war ein legendärer Club, eine „liebevoll in Szene gesetzte temporäre Ausnahmezone“, an die Lindner hier demonstrativ erinnert und die er somit als wichtigen Bezugspunkt in sein Werk integriert.
Die Gebrauchsspuren am Objekt führen die Betrachter also zum einen zurück in das Atelier des Künstlers, in den Bereich ästhetischer Auswahlkriterien für Materialien und der Transformationen, die er an ihnen vornimmt; und zum anderen in einen performativen Bereich, der im Werk von Lorenz Lindner viel Raum einnimmt. Der „Kleine Tisch“, ein schrundiges Monstrum bestehend aus zwei aufeinandergesetzten Pappkartons und einer dünnen Preßspanplatte, die durch Paketklebeband zusammengehalten sind, ist ebenso beispielhaft für diese transformatorische Laufbahn von Lindners Objekten. Die Alltäglichkeit der Materialien und der rasche, improvisatorische Zugriff auf sie legt nahe, dass dieses Objekt nicht um seiner selbst Willen, sondern für einen schnellen Einsatz in einer bestimmten Situation konzipiert und hergestellt wurde: um, wie Lindner es selbst formuliert, „Mittel der Kommunikation“ und konkret „Mittelpunkt interessanter Zusammenkünfte im Atelier“ zu sein. Der „Kleine Tisch“ ist ein Gebrauchsobjekt, das in der täglichen Nutzung einem Abnutzungsprozess unterlag, der jedoch nun zwangsläufig gestoppt, eingefroren und archiviert ist.
Was also bleibt im musealen Kontext vom Kommunikationsangebot, von der Teilhabe am Illusorischen und vom Spiel mit dem anderen Leben? Während Lorenz Lindner aka DJ MixMup regelmäßig in die Sphäre von Live-Performance und Inszenierung herüberwechselt und in den flüchtigen Ereignissen einer Clubnacht Momente von Intensität provoziert, während er in selbstgebauten Environments als Protagonist auftritt und seine begehbaren Bilder mit typisierten Figuren und Handlungsmustern doppelt, so bilden dennoch seine Installationen, Ensembles und Objekte ein ambivalentes Angebot an die Betrachter: sie laden einerseits dazu ein, sie zu betreten und eventuell sogar zu benutzen und somit für einen kurzen Moment Teil des inszenierten Bildes zu sein – andererseits spricht ihr Äußeres und ihre Materialität von Umständen, die unwiederbringlich dahin und der direkten Erfahrung längst entzogen sind, bzw. von Ereignissen, die in einem weitaus anderen Umfeld zu finden sind, als es das Kunstfeld im Allgemeinen darzustellen in der Lage ist. Es ist jedoch genau dieser Moment der Distanzierung vom authentischen Objekt, diese in der Ausweglosigkeit einer Endlosschleife ausgestellte Reminiszenz, die eine identifikatorische und möglicherweise eskapistische Lesart unmöglich macht und vielmehr in der unheimlichen Präsenz des deplatzierten Objekts und der Imitation eine besondere Aufmerksamkeit für den gegenwärtigen Moment provoziert.

Tina Schulz 2011