18 Mai 2012

Sommer, Frühling, Herbst und Winter

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Julia Staszak

19.05. – 30.06. 2012

Eröffnung: Freitag, 18. Mai 2012, 20 Uhr
Einf?hrung: Dr. Silke Opitz, Kunsthistorikerin

Raumbilder jenseits von Repräsentation und Dekoration

Der Ausgangspunkt von Julia Staszaks künstlerischem Arbeiten war die Malerei. Sehr früh allerdings kann man in ihren scheinbar noch klassischen Tafelbildern bemerken, dass diese Malerei nicht an den Rändern der Leinwand aufhört.
Ja mehr noch, man spürte, dass das Bild, vor dem man stand, nicht das eigentlich Gemeinte war. Physisch wurde das schnell unternauert, indem Julia Staszak ganze Wände, später dann auch ganze Räume gestaltete; Malerei wurde Wandmalerei, Wandmalerei Raumbild.
Doch diese physisch-faktischen Erweiterungen füllten nicht etwa die Fehlstellen auf, sondern präzisierten zunehmend Staszaks analytisch-konzeptuellen Entwurf, der die Rahmenbedingungen von Kunst-Machen mit reflektierte.
Staszaks Themen sind Herrschafts- oder Kräfteverhältnisse wie sie für das Betriebssystem Kunst und darüber hinaus bestimmend sind.
Dabei arbeitet sie nicht textlich oder dokumentarisch, zieht sich nicht auf die Illustration bekannter Theoriediskurse aus Ästhetik, Soziologie oder Politik zurück, sondern entwirft malerische, skulpturale oder architektonische Erfahrungsräume, die mehr sind als Kommentare.
Vor diesem Hintergrund des kritischen Hinterfragens von Funktion und Bedeutung des öffentlichen Präsentierens, des Zeigens setzt Julia Staszak in ihren großen Installationen Werke anderer KünstlerInnen ebenso wie ältere Werke aus der eigenen Produktion in unvordenkliche Beziehungen.
So entstehen immer neue, immer hierarchiefernere Kontexte nicht zuletzt für das eigene Oeuvre, das sich in ständig neuen Versionierungen aufzulösen scheint.

Jörg van den Berg, Columbus Art-Foundation

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Julia Staszak
Sommer, Frühling, Herbst und Winter
Installationsansicht: Radio Monte Carlo
Galerie Kunsthaus Erfurt, 2012
Foto: Olaf Mach

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Julia Staszak
Sommer, Frühling, Herbst und Winter
Installationsansicht: Radio Monte Carlo
Galerie Kunsthaus Erfurt, 2012
Foto: Olaf Mach

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Julia Staszak
Sommer, Frühling, Herbst und Winter
Ausstellungsansicht
Galerie Kunsthaus Erfurt, 2012

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Julia Staszak
Sommer, Frühling, Herbst und Winter
Ausstellungsansicht
Galerie Kunsthaus Erfurt, 2012

Ausstellungsvideo: http://vimeo.com/44312133

Sommer, Frühling, Herbst und Winter ?
JULIA STASZAK

Dr. Silke Opitz

Wie der Ausstellungstitel schon andeutet, re-kombiniert Julia Staszak mit und in ihren Arbeiten, schafft Raumcollagen, sampelt spielerisch Eigenes und Fremdes.
So lässt sie mit ihrer Art der erweiterten Malerei teilweise begehbare Bilder entstehen, die verschiedene Elemente enthalten bereits existierende Kunstwerke, auch von befreundeten oder geschätzten anderen Künstlern , freie Objekte und funktionale Gegenstände. Ihre Malereien fungieren mitunter als Bühnen, als Bühnen der Kunst, etwa als komplex-komplette Verkaufsstände auf Kunstmessen (auch schon für das Kunsthaus Erfurt auf der Preview in Berlin) oder wie hier in der Ausstellung etwa für das „Radio Monte Carlo“ (2012).
Julia Staszak fängt mit ihren Environment-artigen Installationen Momente vor oder nach einer Handlung ein. Mehr als um komplette, narrative Strukturen, als um Bilderzählungen, geht es ihr um den Augenblick, in dem bereits etwas passiert ist oder aber noch passieren wird. Die Geschichten um diese Momente, also um ihre Arbeiten, muss sich der Betrachter-Benutzer schon selbst zusammenstellen (so wie die Künstlerin ihre Werke collagiert), d.h., er oder sie muss diese eben vervollständigen. Das mag dem ersten Zugang nach mitunter durchaus schwierig erscheinen, denn die Installationen kommen in der Kombination ihrer Einzelelemente durchaus sperrig daher, erschließen sich nicht auf den ersten Blick, geben Rätsel auf. Noch dazu basieren sie teilweise auf sehr subjektiven Erlebnissen und Assoziationen der Künstlerin.
Doch es gibt kleine Einstiegshilfen.

So kann der Ausstellungsbesucher im Kellerraum des Kunsthauses auf jenem Sofa Platz nehmen, das auch im hier gezeigten Video „Fest der Sinne“ (2009) zu sehen ist beziehungsweise Verwendung findet. DerZuschauer in der Kulisse oder Requisite wird also im übertragenen Sinne Teil des Films. Hier wiederum ist eine junge Frau zu sehen, die, nachdem sie sich im wirklichen Leben von ihrem langjährigen Partner getrennt hatte, von Staszak wie in einer Art Versuchsanordnung einigen jener Männer „ausgesetzt“ wird, die ihr bisher schon einmal mehr oder weniger nah begegnet waren. Das erinnert ein bisschen an die berühmt-berüchtigste Arbeit von Tracy Emin, kann aber auch als Experiment über die Bewegung von Körpern im Raum gesehen werden. Auch Rollenspiel und Identität durch Selbst- wie Fremdbestimmtsein werden hier thematisiert.

Ganz oben im Kunsthaus hängen jene Fahnen, die, ebenfalls 2009, im Rahmen der großen Rauminstallation „Seid doch friedlich“ entstanden sind. Diese Arbeit stellt ein künstlerisches Ergebnis der dreijährigen Förderung bzw. eines Künstlerstipendiums der Columbus Art Foundation dar, einer privaten Stiftung mit Sitz in Ravensburg. Julia Staszak hatte hier eine Art Schlachtfeld der Kunst geschaffen, mit dem sie nicht zuletzt auch ihre persönlichen Erlebnisse und Auseinandersetzungen als Künstlerin verarbeitete, die noch immer als „Ost-Künstlerin“ ge- oder behandelt wurde. Zudem ließ sie kunsthistorische Stilelemente und Symbole in Form von Objekten aufeinanderprallen, und in der kompletten Installation hingen nicht nur die Fahnen, sondern auch eine entfernt an Mondrians streng-plastizistische Arbeiten erinnernde Regalkonstruktion an der Wand, in der sich eine Performerin mühsam und stundenlang nur von Fach zu Fach bewegen durfte, ohne je den Boden zu berühren.
Auch hier wurde wieder Kunst-Raum verhandelt, im eigentlichen, realen wie auch im übertragenen Sinne. Wie wichtig dieses Thema für Staszak ist, zeigte auch der bereits erwähnte, von der Künstlerin im letzten Jahr konzipierte Stand ür das Kunsthaus auf der Preview, für welchen sie ein Element aus einem Gemälde von Matthias Weischer in 3D nachbauen ließ. Gerade der Leipziger Maler Weischer ist ja (zumindest bis zu seinem Rom-Aufenthalt) bekannt für seine reduzierten oder konzentrierten Raumkonstruktionen, und über diese Art von „Rückführung“ des bei ihm in der Fläche thematisierten Raumes eignet sich Staszak noch dazu eine fremde künstlerische Arbeit an.

Diese appropriationart, die Kunst der Aneignung also, kennt verschiedene Ausmaße oder Spielarten und natürlich auch verschiedene Intentionen.
Als George Segal 1967 das „Porträt Sidney Janis mit einem Bild Mondrians“ (=Compostion, 1933;MoMA) schuf, das aus der weiß belassenen Gipsabguss-Gigur des Sammlers und Galeristen Janis, einer Holzstaffelei und einem echten Mondrian bestand, ging es Segal nicht nur um die Auseinandersetzung mit Mondrian als Vertreter der klassischen Moderne und europäischen Avantgarde. Wenngleich Segal von der „klassischen Leinwand-Malerei“ kommend seine Bildräume erweiterte, und eben vor allem für seine Enviroment-artigen Installationen bekannt ist, die fast immer von jenen weißen Gipsfiguren bevölkert sind und alltägliche Szenen schildern, verneigt er sich doch auch über die Figur des New Yorker Kunstsammlers vor dem großen Europäer Mondrian.
Etwa gleichzeitig zu Segals Werk ließ Robert Rauschenberg seine Combine Paintings von der Leinwand hinaus in den Raum hineinragen, indem er, der Name legt es nahe, diverse Objekte mit der Fläche kombiniert bzw. auf dieser befestigte.
1963 schuf Tom Wesselman seine legendäre, heute im Museum Ludwig in Köln zu sehende Arbeit „Bathtub no.3“, die einen für den Pop-Artisten typischen, gemalten weiblichen Akt in einer ebenfalls gemalten Wanne stehend zeigt. Doch die gemalte Bad-Raum-Ecke wird nach vorn von einem echten Duschvorhang, einem echten Wäschekorbe und nach recht von einer echten Tür mit einem Handtuchhalter und einem Handtuch erweitert. Diese Arbeit wird gemeinhin der Form nach als Collage bezeichnet.
Während in der Popart inhaltlich über Sex und Konsum klassische Motive (Akt) mit gesellschaftskritischen Elementen vermischt oder kombiniert wurden, ging es auch um etwas wie das „visuelle Unterhaltungselement“, jenes ästhetische Vergnügen an der spielerischen Kombination von schönen Formen und optisch netten, eindrucksvollen Effekten. Über die Aufhebung der Trennung von Kunst und Leben konservierte man künstlerisch auch ein bestimmtes, leichtes Lebensgefühl, so etwas wie „(Künstler-) Alltag-Clubkultur“.
Dabei spielte auch Musik eine große Rolle, und möglicherweise setzt Julia Staszak mit ihrer für Erfurt konzipierten Arbeit „Radio Monte Carlo“ hier an und fort. Dirk Teschner hatte sich ein Konzert zur Eröffnung gewünscht und prompt erfüllt die ausstellende Künstlerin den Wunsch des Galeristen und hält somit den Kunstbetrieb am Laufen. Wir werden sehen, wer diese Bühne heute Abend (noch) betreten wird.