13 Feb 2009

Change

change

Hermann Kleinknecht, Andreas Kubitza, Ludwig Kohl,
Sandra Schmalz, Johannes Smettan, Leonie Weber,
Robert Wegener, Simone Weikelt

17. Februar – 6. März 2009

Erfurter Stadtgespräche: Johannes Smettan // Andreas Kubitza
Portrait with Facades: Sandra Schmalz
me | audiovisuelles Selbstportrait in 5 Farben | #2 retrospektive Momentaufnahme 2009: Simone Weikelt
menschen_antworten: Hermann Kleinknecht
Es spricht sich schlecht mit gebundener Zunge …: Robert Wegener
go ahead: Leonie Weber
dripp tripp: Ludwig Kohl

Co-kuratiert von Nici Wegener

Change – Yes we can! Diesen Spruch kennen wohl mittlerweile alle. Er steht für den aktuellen Politikwechsel in den USA durch den neuen Präsidenten Obama. Doch Wechsel und Wandel sind auch für die Menschen im Osten Deutschlands seit 20 Jahren Alltag. In diesem Jahr begehen wir das 20-jährige Jubiläum der „Wende“. Für viele hat sich viel verändert. Nicht für alle nur positiv. Zieht doch ein politischer Wechsel oft schwierige ökonomische und soziale Veränderungen nach sich. Auch in den USA kam Change in Zeiten der schweren weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise.
Und wie sieht es vor Ort aus?
Die Februar-Ausstellung im Kunsthaus kreist thematisch um die Begriffe Wechsel und Wandel. Dabei haben sich die beteiligten Künstlerinnen und Künstler in ihrer jeweils eigenen Art dem Thema genähert.

Erfurter Stadtgespräche
Im Obersten Ausstellungsraum wird eine Arbeit von Johannes Smettan und Andreas Kubitza präsentiert. „Ich spreng den Staat in die Luft! – Hugendubel abreißen! – Arbeitslose, Wald aufräumen! – Finanzkrise? Interessiert mich nicht!“ O-Töne aus der Erfurter Innenstadt, zwischen Bahnhofstraße und Fischmarkt, Anger und Domplatz. 200 kurze Statements von anonymen Passanten, die gewillt waren, etwas in ein Mikrofon zu sprechen, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Umgesetzt als Audioinstallation polyphonen Stimmengewirrs, begleitet von einer kleinen Fotoserie.
Gesammelt und bearbeitet wurden die O-Töne während der letzten zwei Jahre. Ausgangspunkt der Interviews war stets die Frage: „Was würden Sie sich für Erfurt wünschen?“ Aus den Gesprächen, die zum Teil länger als zehn Minuten dauerten, wurden die markantesten Passagen extrahiert – einzige Auswahlbedingung: Authentizität. Repräsentativität ist somit methodologisch ausgeschlossen. Die Idee, die ursprünglich aus den Out-Takes der allwöchentlichen Straßenumfragen entstand, ist mittlerweile eine feste Rubrik im Programm von Radio F.R.E.I. in Erfurt. Dort bereichern Johannes Smettan und Andreas Kubitza mit ihren Beiträgen das Programm.
Dieses Projekt wird unterstützt von Carsten Rose.

web-stadtge.
Ausstellungsansicht, Change, Johannes Smettan, Andreas Kubitza, Erfurter Stadtgespräche, Kunsthaus Erfurt, 2009

me | audiovisuelle Selbstportrait in 5 Farben | #2 retrospektive Momentaufnahme 2009

Diese Arbeit der Erfurter Künstlerin Simone Weikelt ist im Zwischengeschoss zu sehen. Sie ist die Fortführung einer perspektivischen Betrachtung von 2005 „#1 Perspektive 2005-2009“. Diese wurde als visuelle und akustische Installation im Alten Nordhäuser Bahnhof in Erfurt umgesetzt.
Bei „#1 Perspektive 2005-2009“ wurden je fünf Reihen schwarzer, grüner, roter, gelber und weißer Farblinien in gleichen Abständen, hinter und nebeneinander frei im Raum gehangen. Jeder Farblinie wurde eine Jahreszahl, beginnend mit 2005 zu Schwarz bis 2009 zu Weiß, zugeordnet.
Ein schwarzes Kleid hängt der ersten schwarzen 2005er Farblinie zugeordnet, an einer leiterförmigen Metallkonstruktion.
Eine Soundinstallation begleitet und ergänzt. Zu hören sind ein willkürlicher, übertrieben kindlicher Mädchen-Sing-Sang, alltägliche Strassengeräusche und Wind. Im Abstand von 20 Sekunden kreuzen die Worte „its me“.
Eine naive Annäherung von Schwarz nach Weiß soll einen mental erhofften Entwicklungsprozess, eine verträumte Vision in die Zukunft darstellen.
Der ausgestellte Folgeteil „#2 retrospektive Momentaufnahme 2009“ baut auf Teil 1 auf. Die Installation von 2005 wurde als Videoarbeit integriert. Auch das Kleid taucht wieder auf. Es ist jedoch bis auf einen kleinen zerknitterten weißen Fleck immer noch fast gänzlich Schwarz.
Die Arbeit ist ein Sich-neben-sich-stellen, eine Betrachtung von Außen, ein Rückblick und zugleich eine gegenwärtige Momentaufnahme – ein Reflektieren, das gleichermaßen Hoffnung als auch Verzweiflung in sich trägt.

Portrait mit Fassade
Nennt die in Erfurt aufgewachsene und jetzt in Paris lebende Künstlerin Sandra Schmalz ihre Arbeit. Der Gegenstand der Recherche dieser Arbeit ist die nordöstliche Region Sachsen-Anhalt. Mit der politischen Wende 1989, dem Zusammenbruch und der großräumigen Schließung der landwirtschaftlichen Betriebe, trat eine Landflucht ein. Die „lost generation“, die jene umfasst, die zur Zeit der Wende zwischen 16 und 25 Jahre alt waren wurde orientierungslos. Es stand die Entscheidung zu gehen oder zurückzubleiben. Die Sozialstruktur begann, sich auf Grund der ökonomischen Veränderungen aufzulösen. Inwieweit werden Traditionen in Vergessenheit geraten, inwiefern wird sich das kulturelle Gedächtnis verändern?
In der Serie „Portrait mit Fassade“ gibt die Fotografin Sandra Schmalz jenen Menschen, die trotz der düsteren Zukunftsperspektiven ihre Heimat nicht aufgeben konnten oder wollten ein Gesicht. Die Serie zeigt formatfüllend die Vorderseite eines Hauses, und ihre Bewohner die sich hinter den Fenstern positionierten. Wir sehen kleine Familien, der Großteil der Porträtierten sind jedoch Rentner. Sandra Schmalz fotografierte die Portraits ohne die privaten Haushalte zu zeigen, trotzdem bekommt man einen Eindruck von der Identität und dem sozialen Status der Bewohner durch den Zustand der Fassade des Hauses, der Pflanzung und temporären Verschönerungen vor dem Haus, den Details des Fensterschmuck und natürlich der Art und Weise wie die Bewohner sich in ihren Fenstern präsentieren.

go ahead
So der Titel der dritten Arbeit im Zwischengeschoss. Sie stammt von Leonie Weber. Sie beschäftiget sich mit Phänomenen des alltäglichen Lebens: Es handelt sich um Darstellungen des so genannten „Normalen“, vorrangig in Form von detaillierten Modellen von Räumen, Installationen und Videoarbeiten.
Ihre Modelle und Installationen beschäftigen sich mit den privaten und öffentlichen Umgebungen, in denen sich menschliches Leben abspielt. Die in den Modellen als Miniaturen reproduzierten Räume betonen den Einfluss, den Architektur und Raumgestaltung auf menschliches Verhalten und Orientierung haben.
Leonie Weber lebt in Karlsruhe und Berlin.

es spricht sich schlecht mit gebundener Zunge…
Bei der 2008 geschaffene Rauminstallation des in Weimar lebenden Künstlers Robert Wegener handelt es sich um eine Arbeit, die den Betrachter in die Position eines ehemals Vortragenden versetzt. Mit dem Blick in leere Zuschauerräume, die im Prozess des Verfalls ihre Geschichte offenbaren, stellt sich die Frage der Zensur und Selbstzensur in einem politischen System, wo der Offizialdiskurs von einer einzigen Wahrheit dominiert wurde. Diese Wahrheit (Prawda) befindet sich bedrohlich im Rücken des Betrachters. Durch dieses Objekt der „Wandzeitung“ werden natürlich noch andere Prozesse in Gang gesetzt, sinnlich & haptisch, die Spuren von Farbresten, das Darüber ehemals Darunter, die Verkehrung von Innen nach Außen, usw. Robert Wegeners Wandinstallation und Fotografie sind im Erdgeschoss des Kunsthauses zu sehen.

webrobert
Ausstellungsansicht, Change, Robert Wegener,
es spricht sich schlecht mit gebundener Zunge…, Kunsthaus Erfurt, 2009

menschen _ antworten

Im Untergeschoss sind Kurze Videosequenzen von Menschen zu sehen, denen der Künstler Hermann Kleinknecht zwischen 2004-2008 in Berlin begegnete, tagsüber oft nachts. Sie entstanden da, wo ihn seine Ausflüge hinführten: in Kulturstätten, Kneipen, Wohnungen etc. Sie reden über ihre Lieblingsfarbe, ihre Lieblingsstadt oder versuchen sich an Definitionen über Kunst.
Die Folge der Kurzportraits ergibt ein facettiertes Bild: Gleichen wir uns alle – gegenwärtig und gedächtnislos. Oder ist es nicht gerade die Vielfalt, die das Leben angenehmer macht und der Einfalt Paroli bietet.
Hermann Kleinknecht lebt und arbeitet in Landerneau (Bretagne) und Berlin.

dripp tripp
Die an der Seitenfassade des Kunsthauses erstellte Arbeit des Erfurter Streetart-Künstlers Ludwig Kohl zeigt ganz aktuell, was Wandel bedeutet. Neben dem Kunsthaus entsteht in den nächsten Wochen ein neues Wohnhaus. Gestern noch sah man an der Seitenfassade eine verblichene Tapetenarbeit, heute die Wandarbeit von Ludwig Kohl und morgen steht vor dieser Fassade ein Neubau. In der Erfurter Altstadt gibt es immer weniger Freiflächen für urbane Kunst, einer lebendigen und durchaus widersprüchlichen Kunstform im öffentlichen Raum. Zur Arbeit dripp tripp: Ein alter Mann mit Tirolerhut konnte nichts erkennen. Was ist das, fragte er. Es gefiel ihm, es bereichere die Stadt und hat aufweckende Wirkung. Ein Kind rief, ey cool, was die da machen Mama! Andere wollten die Polizei rufen.
Dripp – Tropfen
Tripp – Bewegung & Reise
Black – White
Gelb, Rot, Blau – unsere Grundfarben
Die Schleife – die Ratlosigkeit, der Weg

webdripp
Ausstellungsansicht, Change, Ludwig Kohl, dripp tripp, Kunsthaus Erfurt, 2009

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