„Deutschland schafft es ab“ – Buchsammelaktion
„Deutschland schafft es ab“ – Buchsammelaktion
Mit mehr als 1,3 Millionen verkauften Exemplaren ist Deutschland schafft sich ab von Thilo Sarrazin das erfolgreichste politische Sachbuch eines deutschen Autors der Nachkriegszeit. Im Rahmen der 7. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst initiiert der tschechische Künstler Martin Zet jetzt die Kampagne „Deutschland schafft es ab“. Er ruft dazu auf, möglichst viele Exemplare des Buches zu sammeln und sich seiner so zu entledigen. „Ab einem bestimmten Moment ist es nicht mehr wichtig, was die Qualität oder wahre Intention eines Buches ist, sondern welchen Effekt es in der deutschen Gesellschaft hat. Das Buch weckte und förderte anti-migrantische und hauptsächlich anti-türkische Tendenzen in diesem Land. Ich schlage vor, das Buch als aktives Werkzeug zu benutzen, welches den Menschen ermöglicht, ihre eigene Position zu bekunden.”, erklärt Martin Zet. Der Künstler ruft dazu auf, mindestens 60.000 Exemplare zu sammeln, was weniger als 5 Prozent der kompletten Auflage entspricht. Die Bücher werden in einer Installation in der 7. Berlin Biennale gezeigt; nach Ende der Ausstellung werden sie für einen guten Zweck recycelt.
Bitte geben Sie Ihr Exemplar an einem der teilnehmenden Abgabepunkte ab oder schicken Sie es uns per Post und lassen Sie es Teil der Installation werden!
Den ersten Abgabepunkt in Berlin gibt es ab dem 12. Januar 2012 in den KW Institute for Contemporary Art, Auguststraße 69, 10117 Berlin-Mitte (zugänglich täglich von 10 bis 20 Uhr).
Weitere Abgabepunkte in Berlin sind:
- Berlinische Galerie | Landesmuseum für Moderne Kunst, Fotografie und Architektur | Alte Jakobstraße 124–128 | Kreuzberg
- Alte Möbelfabrik | Karlstraße 12 | Köpenick
- Buchhandlung Pro qm | Almstadtstraße 48–50 | Mitte
- C/O Berlin | Postfuhramt | Oranienburger Straße 35/36 | Mitte
- DOCK 11 | Kastanienallee 79 | Prenzlauer Berg
- F&F-Reisen – im Havemann-Center | Flämingstraße 122 | Marzahn-Hellersdorf
- GRIPS Theater | Altonaer Straße 22 | Mitte
- Hebbel am Ufer – HAU 2 | Hallesches Ufer 32 | Kreuzberg
- Kosmetiksalon Babette | Karl-Marx-Allee 36 | Mitte
- Kunstraum Kreuzberg / Bethanien | Mariannenplatz 2 | Kreuzberg
- Kulturnetzwerk Neukölln e.V. | Karl-Marx-Straße 131 | Neukölln
- Schlossplatztheater | Alt-Köpenick 31 | Köpenick
- Theater an der Parkaue | Parkaue 29 | Lichtenberg
Abgabepunkte deutschlandweit:
- dieschönestadt | Am Steintor 19 | 06112 Halle an der Saale
- Galerie für Zeitgenössische Kunst Leipzig | Karl-Tauchnitz-Straße 9–11 | 04107 Leipzig
- Hartware MedienKunstVerein (HMKV) | im Dortmunder U | Leonie-Reygers-Terrasse | 44137 Dortmund
- Kunstbau der Städtischen Galerie im Lenbachhaus | Königsplatz / U-Bahn-Zwischengeschoss | 80333 München
- KUNSTHAUS ERFURT | Michaelisstraße 34 | 99084 Erfurt
- Kunstverein in Hamburg | Klosterwall 23 | 20095 Hamburg
- Kunstverein Leipzig | Kolonnadenstr. 6 | 04109 Leipzig
Schließen Sie sich unserer Aktion an und richten auch Sie einen Abgabepunkt ein!
Bitte verbreiten Sie diese Information zusätzlich über die Ihnen zur Verfügung stehenden Kanäle
Debatte:
Wer schafft sie ab? – die Freiheit des Denkens?
Zur Debatte um die Aktion „Deutschland schafft es ab“ von Martin Zet im Rahmen der 7. Berlin Biennale 2012
Stellungnahme von Katharina Kaiser, Freie Kuratorin, bis 2011 Leiterin des Haus am Kleistpark Berlin
Die erregte öffentliche Diskussion ist noch nicht wirklich da angekommen, wo die Kunstaktion von Martin Zet beginnt: Sie ist mit der Wucht eines Satzes gestartet und damit komplexe, interventionistische Sprach-Kunst!
Natürlich habe ich selbst, wie offensichtlich viele andere, bei dem Titel der Aktion spontan assoziiert: Hoffentlich zerstört der Künstler die Bücher nicht. Der zweite Gedanke war: Warum unterstelle ich eigentlich spontan einem tschechischen Künstler, dass er Bücher zerstören oder gar verbrennen will? Hat er das gesagt?
Nein – hat er nicht.
Was passiert da in meinem Kopf, was in den Köpfen von Kuratoren/innen, Institutsleiter/innen und Kunstvereinsverantwortlichen, die jetzt eilig die zugesagte Unterstützung dieses Projekts bereits im Vorfeld öffentlich aufkündigen und sich entrüsten? Ebenso wie in Zeitungen und Kultursendungen schon ein Skandal ausgerufen wird?
Noch einmal auf Anfang:
Was wäre geschehen, wenn der Künstler sein Projekt „Z u r ü c k g e b e n“ genannt hätte? Was hätten wir da assoziiert?
Vielleicht schickt er ja Tilo Sarrazin jeden Tag 5 Buchpakete und der muß immer zur Post und seine „gewichtigen“ sozialdarwinistischen Thesen wieder nach hause tragen… Oder der Künstler baut einen großen Kegel aus Büchern vor der SPD Zentrale auf, damit die Genossen die rassistischen Thesen wirklich mal lesen und noch mal prüfen, ob einer, der so denkt in ihrer Partei bleiben sollte.
Nun hat der Künstler aber sein Werk „Deutschland schafft es ab“ genannt.
D.h. er hat Sarrazins Herrschafts-Sprache nur minimal variiert – und schon assozieren wir (zu Recht) Barbarisches.
Aber der nun einsetzende Diskurs fragt nicht: Wie barbarisch ist Sarrazins Sprache bereits im Titel? Und wie barbarisch ist der Inhalt?
Er fragt auch nicht: Warum benutzt der Künstler Sarrazins eigene Sprache als Mittel der Provokation? Oder anders ausgedrückt: Funktioniert hier die – bekannte – künstlerische Strategie einer „Kritik durch Affirmation“?
Diese Fragen werden nicht gestellt. Keiner empört sich über Sarrazins Sprache. Die Erregung, der vermutete Skandal, bezieht sich ausschließlich auf den Künstler als potentiell Handelnden. Dem Künstler werden die Gedanken und Assoziationen im Kopf der Leser und Hörer seines Titels als – um es bewußt juristisch auszudrücken – „beabsichtigter Vorsatz “ unterstellt, damit man „Maßnahmen ergreifen“ kann, zumindest die Rücknahme ursprünglich zugesagter Unterstützung.
Die allein durch den Titel erzeugten eigenen Assoziationen und die anderer Menschen sollen schon im Vorfeld der eigentlichen Kunstaktion verhindert werden. Das ist in der Konsequenz die Einschränkung der Freiheit des Denkens und der freien Assoziation, die Einschränkung der Freiheit der Kunst und in der Folge die Einschränkung der Freiheit der Handlung des individuellen Künstlers. Und das just durch jene, die doch gerade die Freiheit der Andersdenkenden (hier die von Sarrazin) zu schützen vorgeben.
Wie erklärt sich diese öffentliche Erregung über eine von einem Künstler provozierte freie Assoziation?
Die Antwort ist in dem Satz, dem Anlass der Erregung, selbst angelegt:
„Deutschland schafft ES ab“. Was wäre dieses ES? In der Kombination mit „Deutschland“ als Subjekt des Satzes wäre ES das kollektiv Unbewußte, das da abgeschafft werden soll, nicht ein konkretes Buch. Aber so wenig man demokratisches Denken verordnen kann, kann man natürlich auch rassistisches und alles Fremde ausschließende Denken abschaffen. Das letztere aber steckt bereits in dem imperialen Gestus mit dem Deutschland als Subjekt gebraucht wird und mit dem der Satz sofort einen nationalistischen Ton bekommt. Mit diesem Sprachgestus arbeitet z.B. gezielt auch die Partei, die sich „Pro Deutschland“ nennt und die, nachdem sie seinerzeit Sarrazins Thesen begrüßt und verbreitet hat, nun nicht zufällig (neben der NPD) als eine der ersten Kritiker auf ihrer Website ausführlich über das Kunstprojekt von Martin Zet berichtet hat. Sie geht so weit, ein entstelltes Zitat des Künstlers über ein Foto von Goebbels zu montieren.
(http://www.pro-berlin.net/?p=4078)
Bleibt noch die Frage:
Darf man Bücher recyceln, wie es der Künstler nach den ersten Reaktionen angedeutet hat? Auch wenn sich diese Frage in der digitalen Welt noch einmal ganz anders stellt, bleiben wir in diesem Kontext bei der analogen: Was ist z.B. mit den Büchern, die massenhaft am Ende der DDR-Zeit in den Mülltonnen landeten (darunter viele internationale Klassiker oder Poesie)? Was ist mit der Praxis der öffentlichen Bibliotheken, die – angefangen mit den Nazi-Büchern in der unmittelbaren Nachkriegszeit – alle „nicht mehr zeitgemäßen“ Bücher ohne großes Aufheben entsorgen? Wo landen die alten Schulbücher? Wo bleiben Deine eigenen Bücher, wenn Du nicht mehr bist und keiner mehr Bücherkisten schleppen will? Oder werden Bücher zum „Fetisch, wichtiger als das, was in dem Buch steht“, wie der Künstler in einem Interview fragt? (http://www.rbb-online.de/stilbruch/archiv/stilbruch_vom_19_01/die_sarrazin_installation.html)
Ein komplexer Diskurs, angeregt durch ein konzeptuelles Kunstprojekt, ist entstanden.
Sagt mein Gesprächspartner: Du unterstellst, dass der Künstler so komplex denkt, tut er vielleicht gar nicht. Sage ich: Du unterstellst, dass der Künstler im Sinne Deiner Assoziation barbarisch denkt, tut er gar nicht. Aber ein Projekt, das solche Diskurse anregt, kann schon jetzt als gelungen gelten, unabhängig davon, ob der Künstler das so voraus-gedacht hat oder nicht. Kunst entsteht immer auch im Kopf der Betrachter/Leser-innen.
Noch ehe also Martin Zet aus den vielleicht am Ende 100 oder 600 Büchern, die er von den 1,3 Millionen verkauften Exemplaren zurückbekommt, im April in den KunstWerken eine Installation realisiert hat, fragen wir uns: Wieviele gebundene Bücher verbleiben in mehr als einer Million Haushalten und werden an die nächste Generation weiter vererbt? Wieviele Tausend werden mit der neuen Taschenbuchausgabe noch hinzu kommen? Wieviel Hundert landen in der Mülltonne aus Gleichgültigkeit oder weil Menschen dieses in Teilen offen rassistische Buch nicht im eigenen Bücherregal „bewahren“ wollen. Und wieviele Exemplare werden mit dem anderen Müll dann zwangsläufig in den Deponien verbrannt oder recycelt?
Wenn nun die bewußt zurückgebrachten Bücher im Rahmen der 7. Berlin Biennale in irgendeiner Form von Martin Zet gestapelt werden und hoffentlich gleichzeitig all die Artikel, Stellungnahmen, Mails, Pamphlete (auch Drohungen von Neo-Nazis und „staatsbürgerliche“ Kommentare von „Pro Deutschland“ und NPD) zu lesen sein werden, stellt dieses Kunstwerk darüber hinaus auch noch die Frage:
Wieviele deutsche Kulturinstitutionen und Kunstvereine haben in diesem konkreten Fall die Freiheit der Kunst unterstützt?
Wer schafft sie ab? Die Freiheit des Denkens und freien Assozierens? In Deutschland und anderswo?
Warum der Kunstraum Kreuzberg/Bethanien nach wie vor als Sammelstelle für die Aktion „Deutschland schafft es ab“ von Martin Zet im Rahmen der siebten Berlin Biennale fungiert.
Der Kunstraum Kreuzberg/Bethanien hatte sich vor Beginn der Aktion auf Anfrage des künstlerischen Büros der Berlin Biennale bereit erklärt, in seinen Räumen abgegebene Bücher einzusammeln und anschließend der Berlin Biennale zu übergeben. Wir haben unmittelbar nachdem wir den Aufruf veröffentlicht haben und die Presse unsere Institution als Ort publik gemacht hat sowohl stark ablehnende wie auch begeisterte und befürwortende Reaktionen erhalten. Auch nach diesen und den in der Öffentlichkeit entstandenen starken und polarisierenden Kritiken und Protesten wird der Kunstraum Kreuzberg/Bethanien nach wie vor als Sammelpunkt dienen.
In kritischer Solidarität mit der Berlin Biennale möchte der Kunstraum Kreuzberg/Bethanien dazu beitragen, dass die angestoßenen Debatten und die auch bei kommenden Aktionen der 7. Berlin Biennale zu erwartenden Diskussionen aktiv und produktiv weitergeführt werden.
Der durch die Auswahlkommission und den Beirat der Berlin Biennale ausgewählte und bestätigte Kurator Artur Zmijewski hat sich zum Ziel gesetzt, Kunst mit der Realität interagieren zu lassen. Er fragt nach den manipulativen Fähigkeiten von Künstlern und nach einer Kunst, die, statt eine Stellvertreterrolle einzunehmen, direkt und wirkungsvoll eingreift, um die gegebene Realität performativ zu verändern. (Vgl. Interview mit Artur Zmijewski von Joanna Warsza auf der Internetseite der Berlin Biennale)
Mit seiner radikalen und provokativen Institutionskritik wird Artur Zmijewski Arbeitsweisen und gewohnte Strategien in Frage stellen und damit nicht nur Publikum, sondern auch die Legitimationsstrukturen von Institutionen und Kultureinrichtungen durcheinander bringen. Die von ihm eingeladenen Projekte und Aktionen werden Fragen aufwerfen: was darf Kunst, wo sind die Grenzen von Kunstaktionen, wo wird der „gute Geschmack“ verletzt, was ist überhaupt noch Kunst, was dürfen Institutionen zulassen und mittragen… Dies sind Fragen, die diese konzeptionelle und praktische Ausweitung des Kunstbegriffs mit sich tragen. In einer solchen provokativen Zuspitzung, wie sie Artur Zmijewski vorantreibt, sind sie selten zugelassen worden.
Dass diese Fragen und somit die Kunst selbst verhandelt werden, ist uns wichtig. Der nun beginnende Aushandlungsprozess um die Aktion von Martin Zet ist ein Bestandteil der Diskussion. Diese Diskussion muss offen geführt werden – einer dieser öffentlichen Orte ist der Kunstraum Kreuzberg/Bethanien.
Auch wenn wir viele der Bedenken, die gegen den Aufruf von Martin Zet geäußert worden sind, verstehen, können wir die Heftigkeit der Kritik und der Polemik gegen ihn nicht nachvollziehen.
Martin Zet ruft nicht zur Bücherverbrennung auf! Dass seine Aktion aber solche Assoziationen provoziert und damit nahezu reflexartige Reaktionen offen legt, ist sicherlich intendiert. Faktisch will er lediglich aus den eingesammelten Büchern eine Installation in Partizipation mit den Besuchern der Berlin Biennale entstehen lassen. Er selbst und viele Künstler haben in der Vergangenheit Installationen mit Büchern produziert und ausgestellt.
Die Besonderheit seines Projektes liegt in der Wahl des Buches von Thilo Sarrazin „Deutschland schafft sich ab“ und der dieser Aktion innewohnenden Evozierung der potentiellen Entledigung seines Gedankenguts.
Martin Zet legt hier die widersprüchliche und hysterische Hilflosigkeit offen, mit der auf die zutiefst rassistischen Äußerungen und Thesen von Thilo Sarrazin oder z.B. auf die Existenz und Taten der sog. „Zwickauer Terrorzelle“ reagiert wurde: Leider wird Deutschland immer wieder von seiner rassistischen und rechtsextremen Vergangenheit eingeholt und kann sich dieser Geschichte eben nicht einfach „entledigen“. Dass dieser Rassismus einen ganzen realen Raum in der Berlin Biennale füllen könnte und immer wieder den gesellschaftlichen Raum füllt und prägt, dies macht die Aktion von Martin Zet bereits jetzt sichtbar. Dass wir immer noch reflexartig und nahezu panikartig reagieren, wenn mit den Attributen „Bücher“, „Recyceln“ und „Sammeln“ gehandelt wird, zeigen die nun erfolgten Reaktionen und Kritiken.
In der Berichterstattung und in den Reaktionen auf Martin Zet wird eine Virulenz sichtbar, die wir aber nach wie vor in dieser Eindeutigkeit vermissen, wenn es darum geht, Thilo Sarrazins Thesen und andere rassistische Vorgänge in Deutschland zu benennen und als solche abzulehnen.
Wir werden daher weiter als Sammelstelle fungieren. Wir sind gespannt, wie viele Exemplare wir tatsächlich erhalten werden. Eine Woche nach Beginn der Aktion – und trotz höchster medialer Präsenz – haben wir nur ein Exemplar erhalten. Vielleicht ist dies der offenbarste Beleg dafür, dass diese Aktion in ihrer Praxis nicht funktioniert und Kunst sich in einem Dilemma befindet, wenn sie mit der Realität interagieren will…
Gleichzeitig zeigen uns die nun entstandenen und noch zu führenden Debatten, dass es aber wichtig ist, diese Diskussionen zu ermöglichen und voran zu bringen… und dass Kunstaktionen zumindest einen gesellschaftlichen Raum füllen und öffnen, der Hilflosigkeit, Widersprüche, Hysterie und Virulenz offenbart… Nicht zuletzt müssen nun der Kurator und die MitkuratorInnen der 7. Berlin Biennale diese Diskussionen aktiv führen, vorantreiben und weiter qualifizieren. Wir sind dabei!
Berlin, den 17.01.2012
Stéphane Bauer, Leiter des Kunstraum Kreuzberg/Bethanien
Reflex der deutschen Leitkultur?
Uwe Rada
Thilo Sarrazin hat seinen Erfolg inszeniert. Ein Vorabdruck im Spiegel und in der Bild-Zeitung war der Startschuss für sein neues Leben als ehrbarer “Das wird man doch mal sagen dürfen”-Rassist. Hinzu kamen die Gesetze der Aufmerksamkeitsökonomie: In Zehntausenden von Eichenwandschränken steht sein Bestseller neben dem Familienporzellan – ungelesen. Ein Buch als Must-have: Die PR-Maschine läuft wie geschmiert.
Keine Bücherverbrennung
Dem gegenüber setzen der tschechische Künstler Martin Zet und die Berlin-Biennale nun die PR-Maschine einer Kunstaktion. 60.000 Exemplare des Sarrazin-Buchs “Deutschland schafft sich ab” wollen sie sammeln und damit vom Markt nehmen. Man kann das naiv finden, eine billige Provokation oder aber ein postmodernes Spiel mit den Regeln des Marktes und seiner Währung Aufmerksamkeit.
Was es aber bestimmt nicht ist, ist ein Spiel mit den Zutaten der Bücherverbrennung. Dennoch sind die Vorwürfe interessant. Schon zum zweiten Mal treffen Künstler aus Osteuropa auf die politisch korrekte “Reflexkultur” in Deutschland.
Zuerst hat es Artur Zmijewski mit seinem umstrittenen Video getroffen. Der Gropiusbau reagierte mit Zensur. Nun sind Martin Zet und die Berlin Biennale an der Reihe. Was steckt dahinter? Die Erwartung, dass sich Künstler in Deutschland der politischen Leitkultur anpassen? Sarrazin ließe grüßen.
Der Hinweis des Hauses der Kulturen der Welt auf eine “konzeptionellen Klärung” betrifft also nicht nur die Berlin-Biennale.
Taz, 16.01.2012
