15 Okt 2010

Beyaz Kaos

Web-Beyaz

Gökcen Dilek Acay, Gökcen Cabadan, Extrastruggle
Nilbar Güres, Yasam Sasmazer, Demet Taspinar
Günes Terkol, Mehmet Ali Uysal

19. Oktober – 19. November 2010

Vortragsabend
Kunstszene Türkei

Mittwoch, 17. November 2010, 20 Uhr, Kunsthaus Erfurt

Cassandra Mehlhorn: „Der Idealismus und seine Wunden“
Ein Einblick in die Produktion, Präsentation und Distribution von zeitgenössischer Kunst in Istanbul
Eva Liedtjens: „Im Blick“
Eine Auswahl türkischer Künstlerinnen im Spiegel der Geschichte

Ausstellungseröffnung: Freitag, 15. Oktober 2010, 20 Uhr
Grußwort: Dr. Lukrezia Jochimsen (MdB)
Einführung: Eva Liedtjens und Cassandra Mehlhorn
Konzert: Korhan Erel & Sevket Akinci, Islak Köpek (Istanbul)

Zeitgenössische Positionen von acht Künstlerinnen und Künstlern
mit türkischen Wurzeln. Kuratiert von Eva Liedtjens und Cassandra Mehlhorn.
www.beyaz-kaos.net

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Beyaz Kaos | White Out
Ausstellungsansicht Galerie Kunsthaus Erfurt, 2010
Foto: Christoph Blankenburg

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Beyaz Kaos | White Out
Ausstellungsansicht Galerie Kunsthaus Erfurt, 2010
Foto: Christoph Blankenburg

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Beyaz Kaos | White Out
Ausstellungsansicht Galerie Kunsthaus Erfurt, 2010

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Beyaz Kaos | White Out
Ausstellungsansicht Galerie Kunsthaus Erfurt, 2010

Ein meteorologisches Phänomen in der Eiswüste: der Boden, weiß von schneebedeckt, der Himmel von Wolkenmasse, Nebel oder Schneefall eisgrau eingefärbt und das Sonnenlicht so stark gedämpft, dass eine Grenze zwischen Oben und Unten, zwischen Himmel und Boden nicht mehr zu erkennen ist. Für den Menschen darinnen ist es ein Schwebezustand, die Suche nach dem Horizont, nach einem Orientierungspunkt in der Leere des unendlich ausgedehnten Raumes, dem weißen Chaos. Es ist die Suche des eigenen Weges, der eigenen Identität in solch einem Chaos, dass Hin- und Hergerissensein in dem Durcheinander und Nichts von Möglichkeiten und Determinanten, welche den Menschen von jeher beschäftigt.

Mit bissiger Ironie und Übertreibung bilden die graphischen Arbeiten von Extrastruggle (*1970, Istanbul) Stereotype der türkischen Kultur ab. Mit dem 1997 gegründeten Projekt entwirft er, ganz wie ein fiktiver Grafik-Designer Logos für imaginäre Klienten. Unter diese fallen jegliche soziale Gruppen, sei es das Mädchen mit Kopftuch, dem der Weg in die Universität versperrt ist oder der linke Intellektuelle. Die Grafiken bebildern somit das Chaos, die Vielfalt und die Klischeehaftigkeit der Türkei als Konstrukt Nation.

Mehmet Ali Uysals (*1976, Mersin) Wandarbeiten sind raumbezogene Arbeiten. Die weiße Wand als Grenze des Ausstellungsraumes wird zum wesentlichen Teil der künstlerischen Arbeit, erweitert als dessen Material, Form und Inhalt benutzt.
Uysal gibt den Betrachtern die Möglichkeit den Ausstellungsort, die Arbeit in ihrem Kontext, neu zu erfahren.

Demet Taspinar (*1972, Istanbul), die neben ihrer künstlerischen Arbeit eine große Zeit im Jahr alsSchiffsärztin auf Expeditionen um die Welt verbringt, hat ihre Leidenschaft für das Beobachten und Filmen in der Antarktis entdeckt. Dort stöbert sie Strukturen, Atmosphären und szenische Miniaturen auf, die sie anschließend in poetische Kompositionen verpackt.

In seinen Gemälden reflektiert Gökcen Cabadan (*1980, Izmir) über die Rolle welche die Idealvorstellung und Kategorisierung des Menschen in der Positionierung unserer selbst spielt, welche Grenzen sie aufzeigt und welche Orte sie zuweist.

Die Fotografien von Dilek Gökcen Acay (*1983, Istanbul) führen uns in ihre ganz eigene poetisch-skurrile Welt. So manch leise fantasievolle Klänge treffen auf eine verstörend traumhafte Ästhetik. Traum oder Alptraum. In den inszenierten Fotografien tritt die Künstlerin zumeist selbst als anonyme Protagonistin auf. Verfremdet, maskiert und unkenntlich verwischt das Porträt und wird zu einem Teil der Kulisse.

Günes Terkol (*1981, Ankara) erzählt uns Geschichten aus Stoff und Garn. Geschichten welche das alltägliche Leben reflektieren, gesellschaftliche Strukturen aufdecken. Deren Protagonisten, oft Frauen, ihre Stimme erheben, sich auflehnen oder anpassen an die sozialen und kulturellen Gegebenheiten der heutigen Türkei.
Das Nähen und der Gebrauch recycleter Materialien als Ausdrucksform ist in sich selbst ein Akt des Auflehnens gegen traditionelles Rollendenken.

Nilbar Güres (*1977, Istanbul) setzt sich in ihren Arbeiten mit aktuellen Identitätspolitiken, insbesondere Gender- und Migrationsfragen auseinander. Weibliche Identität und deren Performanz im öffentlichen Raum werden von ihr kritisch hinterfragt und die patriarchalen Strukturen der Türkei, sowie generelle gesellschaftliche Vorstellungen von Normalität und Sexualität werden herausgefordert.

Die lebensgroßen Holzskulpturen von Yasam Sasmazers (*1980, Istanbul) zeigen uns Kinder in ihrer eigenen Welt zwischen Gut und Böse. Die Unschuld des Kindes, das reine, unverdorbene Wesen ist hier nicht aufzufinden. Vielmehr scheint in den kindlichen Körpern eine ungewisse Boshaftigkeit zu schlummern.
Die Werte der Welt der Erwachsenen, das Richtige und Falsche, noch nicht ganz verinnerlicht, sind sie unverstanden in ihrem ganz eigenen moralischen Kosmos.

Abb.: Gökcen Dilek Acay, Transition, 2008, Digital Print auf Papier, 25 x 17 cm