18 Jun 2021

WISE & WALDEN

44flavours / Jan Brokof, Ulrike Mohr, Manfred Peckl,
Sophia Schama,
Miron Schmückle, Sonya Schönberger,
Kristin Wenzel

18.6. – 20.8.2021

Eröffnung: Freitag, 18. Juni 2021, 20 Uhr
Manfred Peckl, grasen – Poetischer Akt

Sonnabend, 31. Juli 2021, 15 Uhr
Sonya Schönberger, Plant Stories – Gespräche mit und über Pflanzen
Veranstaltung mit begrenzter Personenanzahl, um Anmeldung wird gebeten

Gefördert durch die Kulturstiftung des Freistaats Thüringen, die Kulturdirektion der Stadt Erfurt und die Thüringer Staatskanzlei. Beim Besuch gelten die aktuellen Infektionsschutzbestimmungen.

 

Abb.: Ulrike Mohr, Detail Rauminstallation „Fragments of the Future“, berlin-weekly, 2020,
Palmenblattkohle und Draht, Copyright: Ulrike Mohr / VG Bild-Kunst, Fotograf: Daniel Hölzl

 

grasen
Manfred Peckl

warmer Wind trocknet den Speichel bevor der den Boden berührt.
Erstarrt bleibt er wie stehen in windlauem Land, zittert und tanzt,
hängt luftlängs wie rum. Liegen! Keine Angst, die Ruhe verlangt:
nachts die Nachbilder, Wachsilber, Naschgold. Fischlaich im linken
Augwinkel, es tränt… der Wind. Froschgleich schwärmt und kühlt der
zugleich die Lider. Klappe, Kaulquappe. Ein Tier blickt nach innen,
erbleicht, muttertiert, tot. Laßt Tropfen fallen! Gefühlskristalle, Lurch,
Qualle.

Das große Trocken, das doch feuchte Gras, die Spur der
Nachtschnecken, die Schaben im Schlaf. Faustgroße Räume,
Hohlträume, Fuchsbauten, Gebein.
Der Sommerhitzgipfel verdirbt einem´s Obst, ab die Laune!
Herdenhauf grasen vorbei am raren Insekt zwei drei vier und viele
wie wir. Andre bestuhlen den Stall. Stehen bleiben! Dort weisen
ix Fliegen Unwege, zaubern Bewegung ins Ex einer Starre. Kein
Meter zur Sperre, kein Meter zurück. Der Heuduft trägt Noten
von Mäuseurin.

Wie möchten Sie leben? was sein? nehmen? geben? ganz nah am
Geschehen? alles Sein saugen? Barfuß den Glauben ans Dasein
erlauben? Spielt auf!

In Zitronenzonen verbittern die Böden, der Feigentraum fault, die
Kirschnotblüte, du Güte! die Maulaffen lachen, der Beerbusch raucht.
Strauchwolken umhüllen Gras, in Nischen nisten nackte Männer.
Menschen winken ab, nixen und grunzen. So flirre Luft, so launiges
Moos. Die Allergenese zwingt alle zu niesen. Ab da ist wer raus?
Nichts los?

Raschelts? Es rauscht. Schmauchschwaden wabern wie her. Pferde
schnauben. Banales weht… vorbei. Hier sticht die Wespe zum Schock.
Im Wiesenfußbad liegen – ja – Scherben. Kippenfilter, Alufolien,
Metallkonfetti, Plastikreste, Chipspack Onion, nur das Beste, rostfrei
Dosen, Unterhosen, kein Condom.

An der Augenweide lehnt wer lahm. Hin Ufer! Dort gluckst wer wen
an, stupst, platsch, plärr. So weiter die Stimme, die Beine. So weit
die Augen, so weit das Gehirn. Der Horizont ganz nah an der Stirn.
Schon sind es die Berge, ist es das Aas, Gartenzwerge, lichtblass.
Wenig weiter streift Flieder das innere Auge, betört und… vorbei.
Brennesseln fassen! Faser für Faser Feuer machen. Zeckenzange,
Haarspange, Angst und… schon wieder vorbei. Von was faseln,
wovon schon, greifen Adler Dohlen, Geiern an die Eier, Aug um
Zahn, lachen federnd auf ab zu, an/aus. Drohnen singen anderer
Töne Not, als Drohung, blinken und kreisen um. Dort dreht die
Möwe, da tratscht die Taube, hier spielt der Spatz. Im Umkreis des
Schwindels ist alles ganz nah. Nicht mehr weit, nur lang, aber dann.
Augen zu! Samt! Er, sie, es dreht sich um

Vogelphobie Zoonosealarm
allergischer Reiz hysterisches Zucken
Angst vor Schmutz Angst vor Schmutz
Panik vor Fliegen Ekel vor Fisch
Viren Keime Parasiten
Angst vor Tieren Angst vor Schmutz
Angst vor Schmutz Angst vor Schmutz
während wir liegen im Gras zwischen Trieben
summt es gurrt es scharrt es bellt
während wir gehen Gras zwischen Zehen
fiept es zirpt es flattert es schwillt
Angst vor Stichen Angst vor Bissen
Angst vor Schmutz Angst vor Schmutz
Wanzen Flöhe Spinnen Wespen
Mücken Läuse Bremsen Zecken
Angst vor Tieren Angst vor Angst
Angst vor Menschen Angst vor Schmutz
Angst vor Viren Angst vor Luft
Angst vor Schmutz Angst vor Schmutz

Schnitt, Biss, Stich. Wir warten. Rötung, Schwellung, starkes
Kribbeln, Juckreiz, Spucke, Färbung blau. Panik, Schnapp Schnapp
Schnapp Schnappatmung, Schmerzen, Angst, Herz, Wiese, Rasen,
Spuren nah getierter Schnaken, Schneckenschleim, Schluck,
Attraktion.

Da bleibt wie stehen der Speichel, bevor er den Boden bemüht,
zappelt wie rum, als ging es darum. In Zeitloopings ist Spucke
King, tanzt die Landschaft zu Brei, tanzt, als wär es Grad zwei. Nur
zögernd folgt die Minute der Uhr. Eiskalt, die Zeitfrau streikt. In die
Schwebe grätscht Reales, prahlen, prassen, Hof, Haus, Lohn. Luft
raus. Kein Like weiter Schwarm Viralien, ein Schritt weiter, ja, war
schön. Nein zu Aliens, Loch zu Fragen, nein zu null, noch was zu
sagen: nein zu eins, kein Stein Revier, Kannibalen, Tier um Tier.
Die Tauben picken gierig am Huhn. Wir lecken an Kröten.
Kadaverpalaver, kein Kuchen, Sex, Bier.

Der dingschiefen Rhythmik der Blätter stehen Stämme, Äste, Zweige
Spalier. Die Logik verkehrt sich, Erfahrung schweigt: Wehr dich!
Wieder ist es der Wind, der berauscht. Im Unterland überhand,
mimen Menschen das Bäumen, das Rauschen und enden im Tam
Tam eines Traums. Wonne, sich füllen mit ganz viel Gefühl. Ins Innere
blinzeln, Stirnrunzeln. Die Drehkulisse Natur ist allemal prima, ganz
prall voll mit Assoziationskonfusion.
Lebt auf!