23 Feb 2024

STRANGE DAYS

Jürgen Grewe

23.02.-12.04.2024
Eröffnung, Freitag, 23. Februar 2024, 20 Uhr
Private Dancer (afroboticmusicology)

Jürgen Grewes in unwirkliches Licht getauchten Stilleben verströmen ein gewisses Gefühl von Artifizialität, das –bei aller Schönheit– die Betrachter auf Distanz hält und ebenso im Zweifel lässt. Diese unterkühlte Stimmung macht den besonderen Reiz von Grewes Kunst aus. Sie knüpft nicht einfach an die kunsthistorischen Zitate Kubismus oder kapitalistischer Realismus an, sondern aktualisiert die Referenzen, indem sie die Bilder in der Gegenwart verankert, die von einer schwer auf den Punkt zu bringenden Entfremdung im Spätkapitalismus kündet.

Die Figuren in Jürgen Grewes Bildern wirken wie Mensch gewordene Architektur oder wie Architektur gewordener Mensch. Der Mensch als Konstrukt, der Mensch als Summe seiner strukturierenden Teile. Rational geformt und doch unergründlich verspielt. Grewes Figuren, die nicht selten im Bild auch mit Architekturen in Beziehung treten, scheinen mitunter wie eine humane Entsprechung zur Architektur des Brutalismus, jenem Baustil dessen Name sich bekanntermaßen nicht von Brutalität, sondern vom nackten Sichtbeton herleitet. Im Westdeutschland der neunzehnhundertsiebziger Jahre erfuhr dieser Stil prägende Bedeutung. Nicht nur als dominierende Strömung im Bauwesen, sondern auch als Inbegriff vermeintlich menschenfeindlicher Architektur galt und Ausgangspunkt einer ablehnenden Haltung gegenüber einer rational-positivistischen Moderne war. Nicht selten wurde der Sichtbeton brutalistischer Schulgebäude und Sozialbauten von hilflosen Aposteln einer als verdrängt gewähnten Phantasie mit bunter Farbe überpinselt. Indessen waren es gerade die grauen Fassaden dieser Gebäude, die den Hintergrund für präzise westdeutsche Milieustudien lieferten, wie etwa Schlöndorffs Katharina Blum oder Ulrich Edels Kinder vom Bahnhof Zoo. Grewes »Mädchen in der Vorstadt« von Zweitausenddreizehn scheint eben dieses soziale Kolorit in ihrem Gesicht zu tragen. Augen, Nase und Mund werden hier zu erstarrten Elementen einer rationalistischen Physiognomie. Die Nase ein Erker, an dessen Ende sich zwei Belüftungsschlitze befinden. Das Augenpaar wird zur Loggia, hinter der man ein lichtarmes Interieur vermutet.

Auch die neueren skulpturalen Arbeiten Grewes schließen hier an. Wieder ist es Sichtbeton, diesmal tatsächlicher, der die Figuren formt. Diese Werke aus den frühen zweitausendzwanziger Jahren sind zur Dreidimensionalität erwachte Formen, wie man sie aus seinen Malereien bereits kennt. Nur bleiben diese abstrakt, ohne Figuration, ohne offensichtliches Narrativ. So treten hier Zwei- und Dreidimensionale Bildwelt Grewes in den Dialog. Seine kubistisch-poppigen Darstellungen der letzten Jahre erweitern das Repertoire auf Stilleben, Landschaften und Menschen in Landschaften. Menschen in Bademode, die am Strand Erfrischungsgetränke durch Strohhalme schlürfen und den Rauch ihrer Zigaretten in den Himmel pusten. In ihren Posen, die Freizeit und Genuss symbolisieren, erscheinen die schematisierten Figuren immer auch ein wenig beziehungslos. Dabei versprühen sie eine apathische, kaum ergründliche Stimmung, die weder Spass noch schlechte Laune ist. Dr. Diego Castro

 

Gefördert durch die Kulturstiftung des Freistaats Thüringen, die Kulturdirektion der Stadt Erfurt und die Thüringer Staatskanzlei. Mit freundlicher Unterstützung der Galerie HAMMERSCHMIDT+GLADIGAU.

Abb.: Jürgen Grewe, At the Party, 2019,
Wachs auf Holz, 190 x 130 cm, © der Künstler