22 Aug. 2025

BLÜHEND, BRECHENDER HALT

Simone Karl

27.06. – 22.08.2025

Eröffnung: Freitag, 27. Juni 2025, 20 Uhr
Begrüßung: Monique Förster, künstlerische Leiterin Kunsthaus Erfurt
Einführung: Anna Maria Linder, Kunsthistorikerin
Gefördert durch das Thüringer Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur und die Kulturdirektion der Stadt Erfurt. Mit freundlicher Unterstützung der Galerie HAMMERSCHMIDT+GLADIGAU.

 

blühend, brechender Halt
Simone Karl

 blühend, brechender Halt – der Titel der Ausstellung klingt fast wie eine Zeile aus einem Gedicht und fängt zugleich den Kern von Simone Karls künstlerischer Praxis ein: das poetische Ringen mit Spannungen, Übergängen und der Kraft ambivalenter Zustände. Doch der vermeintliche Halt, der im Titel anklingt, ist kein Ort der Sicherheit, sondern ein prekäres Innehalten zwischen Aufrichtung und Bruch. Die darin enthaltene Verweigerung klarer Zuschreibungen zieht sich konsequent durch das gesamte Werk.

Die Einzelausstellung von Simone Karl (*1989) im Kunsthaus Erfurt versammelt Skulpturen, Objekte und raumgreifende Installationen, die verletzliche und zugleich widerständige Körper ins Zentrum rücken: Tierische Häute, florale Motive, stachelbewehrte Metallstrukturen und Lederfragmente verweisen zeitgleich auf Schutz und Aggression, Verwandlung und Verletzung. Die Werke bestehen aus industriellen Komponenten wie Lochband, Draht, Nieten, Stahlringen, Piercings oder Stechschutzschürzen aus dem Fleischereibedarf. Dabei spielt das Material keine rein ästhetische Rolle – es ist vielmehr immer Träger einer Geschichte von Funktion, Macht und Wandel. Karl nutzt Materialien, die Effizienz, Kontrolle und Durchsetzung symbolisieren – und entzieht ihnen durch Eingriff und Umformung ihre ursprüngliche Funktion. Was zur Kontrolle gemacht wurde, wird in einen neuen Zusammenhang überführt. Kettenhemden werden zu Hautfragmenten, Pfeilspitzen werden zu Fell und Fleischerhaken richten sich wortwörtlich gegen den Fleischer. Der Entstehungsprozess selbst ist konzeptueller Bestandteil der Arbeiten: kilometerlange Drahtstränge, tausende Hammerschläge, das systematische Durchbohren, Nieten, Aufbiegen. Die repetitive, erschöpfende Geste verwandelt sich in eine Art meditative Manie. Sie schreibt sich in den Körper der Künstlerin ein und steht für eine Form der Grenzüberschreitung – zwischen Kontrolle und Kontrollverlust, Ordnung und Rausch, Disziplin und Hingabe. Jeder Ring, jede Verbindung ist Teil einer Erzählung, die sich durch die Summe kleinster Gesten entfaltet. Dabei öffnen sich immer wieder kleine Lichtungen als offene, fragile Zwischenräume, in denen sich widersprüchliche Zustände überlagern. In diesen Zonen des Dazwischen verhandelt Karl grundlegende Fragen: Was bedeutet es, verletzbar zu sein? Wo verläuft die Grenze zwischen Anziehung und Bedrohung, zwischen Verführung und Aufbegehren? Die neue Arbeit Lichtung bringt dieses Spannungsfeld auf besonders prägnante Weise zum Ausdruck. Die Rauminstallation aus Lochband und Nieten umschließt mehrere kleine Glasfläschchen, die eine fast identisch aussehende grüne Flüssigkeit enthalten: Maiglöckchengift und Maiglöckchenparfüm. Beide Substanzen changieren im sogenannten viktorianischen Grün – ein im 19. Jahrhundert begehrter Farbton, der aus arsenhaltigem Pigment gewonnen wurde. Er steht sinnbildlich für den Widerspruch zwischen Luxus und Letalität, Begehren und Gefahr. Karl nutzt diese historische Doppeldeutigkeit, um die Ambivalenz in ein subtiles visuelles Spiel zu übersetzen: Was anzieht, kann töten; was verführt, kann vernichten. Die Betrachter*innen bleiben im Unwissen – sie sehen die Flüssigkeiten, doch wissen nicht, welche duftet und welche tödlich ist. Die Entscheidung bleibt spekulativ, die Konsequenz unklar. Das Werk wird somit zum Sinnbild eines Zustands, in dem Eindeutigkeit verweigert wird.

In dieser Zwischenzone – der Lichtung – verhandelt Simone Karl nicht nur das Verhältnis von Körper, Material und Symbol, sondern öffnet auch einen Raum, in dem das Menschliche und das Animalische, das Florale und das Metallene, Zärtlichkeit und Aggression nebeneinander existieren dürfen. Die Lichtung als vermeintlich sicherer Ort im Wald ist zugleich ein Ort des Ausgesetztseins. Es gibt keine Lichtung ohne Dunkel. Hier wird sichtbar, was im Verborgenen liegt. Es ist ein Raum der Enthüllung, aber auch der Unsicherheit. Genau hier verortet sich Karls Kunst: in einem Zustand, der nicht auflöst, sondern aushält. In einem System, das nicht stabil ist, sondern sich wandelt – wie die Haut, die man abstreifen, durchdringen oder neu anlegen kann. Karls Werke fordern uns auf, die Ambivalenz nicht als Widerspruch zu begreifen, sondern als Zustand der Gleichzeitigkeit. Ihre Kunst ist kein Kommentar, sondern eine Einladung: die Haut zu wechseln, die Perspektive zu verschieben und sich bewusst in der Lichtung – diesem prekären Ort des Übergangs – aufzuhalten.

Text: Anna Maria Linder